Lyrik

[ Lichtes Gedächtnis ]

Als ich den Stein nicht aufhob,
der hart meine Stirn traf aus ihren Händen,
als ich selber den Stein nicht warf...
verlachten sie mich.

Ich aber spürte: Die Erde atmete
freier einen Moment und irgendwo blühte
eine Lilie reiner als sonst, schwang sich
leichter und höher hinauf ein Vogelpaar.

x x x x


                    Ich träumte, du seist eine Harfe,
                    ausgespannt duch das All, und über dich
                    glitten die Sternenfinger des Lichts –

                    Nun bin ich erwacht und lausche noch
                    deiner Musik. Singt sie
                    von mir? Nein – nicht von mir. Immer nur
                    wieder von dir… Denn ich
                    war in der Fingern der Sterne.

x x x x


Inmitten der ungestüm brodelnden,
stürzenden See:
das tanzende, zuckende Boot –

An der Reling der Reisende:
von Atem zu Atem die Augen
gelassen dort auf den schäumenden, funkelnden
Wunderkronen der Kämme -: ich

                    Das wäre die Ankunft.

[ Mein helleres Weltgehör ]

Schmetterlingsunfall

Der balkonreisende Schmetterling
am kleinen See meiner Tasse –
Ob er es ist?

                    ...Dieser, der gestern Nachmittag
                    lässig vom Bordsteig trudelnd,
                    hart an mein Autoblech flatterte
                    in meiner Nachhausewegkurve...?


Ob er es ist?
Möglich... Aber hatte er diese
rosa getupften Fühler?

                    ...Immerhin doch: ein winzigkleiner
                                        Schmetterlingskrach...

Ob er trinken will? Kennt er
schwarzen Schmetterlingskaffee?

                    Was noch zu erzählen ist -:
                    Ich stieg also aus, besah
                    die Staubschäden auf seinen Flügeln,
                    er besah meine Beule im Blech
                    (eine winzig kleine Schmetterlingsbeule),
                    wir tauschten unsre Papiere aus,
                    da flog er wieder –
                    flatter flitter und weg...

Hat er mir zugehört -?
Aber da fliegt er schon wieder
von seinem Schmetterlingsseeufer.

[ Verzauberung ]

Magische Zeit

Da stehe ich wieder -
eine Handvoll Zauberwind in den Haaren.

Singend glüht
die Silberader im Stein.
Geflügelte Bäume zittern im Licht,
Windharfen aus altem Glück.

[ Mit lächelnder Schwinge ]

Freude

Wir setzen uns zu einer Übung zusammen.
Sie heißt: Freude erleben.

Es ist die andere Freude.

Freude, die nirgends misst und vergleicht.
Die nicht nach Verdiensten fragt,
nach Orden und Rang.

Freude, in der mein Sein
keiner versteckten Formel bedarf.
Keiner Erklärung. Keiner Rechtfertigung.

Ganz einfach klingt es, mit deinen Worten
                                              gesprochen:

Dein Verdienst ist allein,
dass du bist.

Dass du deinen göttlichen Namen trägst.
Dass du atmest – und so die Luft
leise mit deiner Herzmusik füllst.

Dass du die Herzmusik wahrnimmst
in den Herzen der andern.

Und aus allen filterst,
was Freude ist.

[ Nähe ]

Freiheit

Auch wir Engel
haben einen Vertrag:

Euch die Freiheit zu lassen,
uns für wirklich zu halten oder auch nicht.

Wenn euer Hunger erwacht
nach der Wirklichkeit der Engel,
werdet ihr aufbrechen
und uns zu suchen beginnen.

Und ihr werdet uns finden.
Erst dann.

Nichts ist uns heilig
wie der Raum eurer Freiheit.
Damit ihr, am Ende des Weges,
euch empfangen dürft
als euer selbstgeschaffenes Werk:

In jeden funkelnden Faden
des Strahlengewebes
eingeglüht euer Sein.

Ganz und gar eines
mit eurer Schöpfung
aus Strahlen und Schönheit -

die ihr nun heimtragt zur Quelle,
zu Gott.